Wie filmt man in einer Roma-Siedlung? – 15 Dinge, die ich gelernt habe

An Orten zu filmen, wo Menschen sehr arm sind, ist eine Gratwanderung. Für Der zornige Buddha habe ich über drei Jahre eine Romasiedlung im ungarischen Sajókaza regelmäßig besucht. Es war eine der härtesten und beglückendsten Erfahrungen meines Lebens. Diese fünfzehn Tipps geben wieder, was ich für mich gelernt habe.

  1. Habe Zeit. Vertrauensbeziehungen entstehen erst, wenn du mehrfach wiederkommst.
  2. Geh nicht allein herum, sondern such dir Fürsprecher. Mitarbeiter von NGOs und respektierte ältere Leute in der Community sind gute Türöffner, wenn sie dich mögen und überzeugt sind, dass du gute Absichten hast. Bei Familien führt kein Weg am Familienoberhaupt vorbei.
  3. Unterschätze die Leute nicht. Sie haben Medienprodukte gesehen, die von Armut und Elend handeln, vielleicht sogar über ihre eigene Siedlung. Sie kennen die gängigen Klischees und Erzählweisen. Ich habe in einer Elendshütte mitten in der Nacht dem betrunkenen Familienoberhaupt die Frage beantworten müssen „Was ist eure Dramaturgie?“ Er hat Dramaturgie gesagt, und er wusste wovon er redet! Erklär offen und ehrlich, wer du bist und was du vorhast.
  4. Manche Menschen werden nichts mit dir zu tun haben wollen. Egal wie edel deine Absichten sind. Lebe damit. Geh diesen Leuten aus dem Weg und halte dich an die, die mit dir zu tun haben wollen.
  5. Sprich die Sprache der Leute. Wenn nicht, lern sie. Auch wenn du einen Übersetzer hast. Lern ein paar Wörter und rede drauflos. Nichts öffnet mehr Türen als wenn die Leute merken, dass sich jemand bemüht.
  6. Nimm Teil. Wenn du Gelegenheit dazu hasst: Iss, trink, koche, tanze und palavere mit den Leuten. Spiele mit den Kindern. Aber sei dir immer im Klaren, dass du nie „einer von ihnen“ bist, sondern ein netter Gast von einem anderen Planeten.
  7. Nimm dich selbst nicht so ernst. Wenn sie über dich Witze machen oder dir über die Straße freche Spitznamen zuzurufen, kann das ein Zeichen von Akzeptanz sein. Humor hilft am besten, belastende Situationen zu überstehen.
  8. Sei höflich zu anderen Journalisten und geh ihnen aus dem Weg. Wenn du in einer Community gelandet bist, wo schon vorher viele Medienleute waren: Dreh deinen Film im Nachbardorf.
  9. Widerstehe der Versuchung, das Elend visuell auszubeuten. Konzentriere dich auf das, was die Leute stolz macht. Die Kinder, das Gärtchen vor dem Haus oder der lokale Boxclub. Niemand will Protagonist eines Dokumentarfilms über Elend und Verwahrlosung sein. Das heißt nicht, dass du schönfärben musst.
  10. Mach dich frei von Schuldgefühlen. Jeder fühlende Mensch wird in einer Armensiedlung Beklommenheit spüren oder sich fragen, womit er es verdient hat, gut zu leben, wenn es anderen schlecht geht. Deswegen schüchtern oder betulich zu sein, ist keine Option. Tritt freundlich, aber selbstbewusst auf. Überleg dir, warum du hier bist. Und stehe dazu.
  11. Gib etwas zurück. Geschenke, Mitnehmen im Auto, Essenseinladungen oder kleine Hilfeleistungen sind ein guter Weg, etwas zurückzugeben, ohne dass man Geld zahlt. In Sajókaza haben wir festgestellt, dass viele Leute sich gern fotografieren lassen, wenn sie Abzüge bekommen. Wir haben ein System daraus gemacht und bei jedem Besuch Abzüge verteilt. So hatten wir einen guten Grund, bei Leuten hereinzuschneien und zu fragen, was es Neues gibt. Zurückgeben heißt auch: Erzähl von dir. Von deiner Familie, von der Liebe, von deinem Beruf. Lass dich ausfragen. Lerne, dich durch die Augen deiner Protagonisten zu sehen.
  12. Gründe, Protagonisten zu bezahlen: Geld kann dabei helfen, dass Leute mit dir kooperieren. Geld kann eine faire Gegenleistung dafür sein, dass Menschen sich filmen lassen – vor allem wenn du viel inszenierst und Leute nach deinen Anweisungen handeln. Du verdienst ja mit deinem Film auch Geld oder hoffst zumindest auf Prestige. Warum sollten die Protagonisten nichts davon haben?
  13. Gründe, Protagonisten NICHT zu bezahlen: Geld erzeugt eine Erwartungshaltung. Wer einmal zahlt, muss immer zahlen. Möglicherweise willst du auch vermeiden, dass Leute wegen des Geldes mitmachen. Wer zahlt, schafft an. Vielleicht ist es dir wichtig, dass deine Protagonisten ihre Unabhängigkeit bewahren und dich jederzeit ohne finanziellen Verlust vor die Tür setzen können. (Aus diesen beiden Gründen haben wir in Sajókaza die Protagonisten nicht bezahlt, sondern uns anderweitig revanchiert.)
  14. Wenn es Konflikte gibt, spiel nicht den Helden. Hör auf dein Bauchgefühl und räum im Zweifelsfall lieber das Feld.
  15. Lass dich von Rückschlägen nicht entmutigen. Das Schöne an solchen Drehsituationen ist, dass man eben nicht alles kontrollieren kann. Auch wenn es manchmal hart ist: Man fühlt sich unglaublich lebendig und lernt eine Menge über sich selbst.

Der zornige Buddha
Ab 23. September im Kino

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