Fluchen ist das ehrlichste Gebet

Der Einsiedler von Saalfelden ist nicht einsam. Die zwanzig Minuten vom Parkplatz sind ein netter Spazierweg. An einem Sonntagnachmittag kommen die Leute zu Dutzenden herauf. Gerade in den letzten Wochen ist der Strom der Neugierigen, der Begrüßer, Beschnupperer und ja, auch der spirituell Ratsuchenden, kaum abgerissen. Die Journalisten, die daherkommen, weil ein belgischer Einsiedler in Österreich eine so gute Story ist. Und dann auch noch ich, der über ihn eine Fernsehdoku machen soll. Ein kontemplatives Leben ist es nur am Abend und am Morgen. Aber gut – das hat er gewusst. Und es wird wohl ruhiger werden.

Eine ganze Weile sitze ich bei ihm, und wir füllen die Gesprächspausen mit Belanglosigkeiten. Komm, gehen wir zur Kapelle, sagt er dann. Er nimmt einen kleinen Ghettoblaster unter den Arm, wir steigen die paar Schritte zur Kapelle hinauf. Er dreht gregorianische Choräle auf. Und dann fangen wir an, über Gott zu reden. Ich erzähle von meinem Kirchenaustritt und meiner katholischen Kindheit. Er sagt, ihm ist es ähnlich gegangen. Mit 27 hat er langsam wieder angefangen nach einem höheren Sinn zu fragen, weil sein Alltag keinen Sinn mehr gemacht hat. Glauben ist keine gerade Linie. Die ganze Bibel ist voll von Geschichten des Glaubensabfalls und des Zweifels. Glaube und Zweifel gehören zusammen. Wer nur glaubt und niemals zweifelt, ist ein Psychopath. Seid ehrlich, hat er kürzlich zu Schülern gesagt. Geht nicht deswegen in die Kirche, weil es sich gehört. Dann erzählt er von einer Besucherin am Palfen, der ein Fluch ausgekommen ist und die sich daraufhin sofort entschuldigt hat. Dabei, findet er, ist der Fluch die direkteste und ehrlichste Form des Gebets. Denn wen lästert, beschimpft und verdammt man denn für das eigene Unglück? Da muss es doch einen Adressaten geben!

Es beginnt zu regnen. Wir gehen hinunter in die Einsiedelei und trinken Kaffee. Wir plaudern über seine Vorgeschichte. Vermessungstechniker war er – das war die Zeit seines größten Zweifels an Gott, denn den konnte man nicht vermessen, zählen oder sehen. Dann wurde er Artillerieoffizier der belgischen Armee, stationiert in Deutschland. Zwischendurch extreme Hobbies: Segelfliegen, Fallschirmspringen. Alles Dinge, die er heute nicht mehr braucht. Krisen machen genügsam, sagt er. Scheidung, finanzieller Ruin, Krankheit – eines Tages ist Stan am Ende. Nach drei Tagen ohne Essen überwindet er seinen Stolz, trampt zu seinen Eltern und isst sich satt – nicht ohne sich am Tisch noch zu zieren, zu sehr schämt er sich.

Stan lässt sich zum Diakon ausbilden. In der Notaufnahme eines Spitals und in einer Pfarrgemeinde betreut er Menschen in Krisensituationen. Vermutlich ähnlich bodenständig und hemdsärmlig wie er das mit den Ratsuchenden in der Einsiedelei macht. Er hört zu, lässt das Gespräch vom Blabla zu des Pudels Kern wandern und fragt dann knapp: Willst du beten? Hinten in der Einsiedelei führt eine schmale Treppe nach oben, links der nackte Fels, rechts die gemauerte Wand, in die kleine Kapelle, wo zwei Stühle stehen – einer für Stan, einer für die Klienten. Und dann setzt man sich halt miteinander hin und betet.

Die Bewerbung um die Einsiedelei ist für Stan so etwas wie ein überraschend erfolgreiches Lotterielos. Nach einer internationalen Ausschreibung mit fünfzig Bewerbern aus aller Welt. Er hätte nie gedacht, dass sie ihn nehmen. Eigentlich war er schon fix in einem belgischen Trappistenkloster angemeldet. Die Probezeit hatte er begonnen, die Mönche hätten ihn gern dabehalten. Keine Selbstverständlichkeit, denn das Leben in einem Trappistenkloster ist nicht jedermanns Sache. Beten, arbeiten, schweigen.

Dass so ein Wirbel um die Neubesetzung der Einsiedelei gemacht wird, kam so: Die Gemeinde Saalfelden wollte sicher gehen, dass der neue Einsiedler zum Ort passt und deshalb aus einem größeren Bewerberkreis auswählen. Sie haben die „Stelle“ via ORF und APA ausgeschrieben. Ob dem Pfarrer, dem Bürgermeister und dem örtlichen Pressereferenten bewusst war, welche Kreise die Einsiedlergeschichte ziehen würde? Dass es einen Rattenschwanz an Folgeberichten geben würde, bis zu France Press, Reuters und BBC? Und damit einen super Werbegag für den Saalfeldener Sommertourismus? Jedenfalls kam es so. Und der Diakon aus Belgien schien am besten geeignet für die widersprüchliche Aufgabe. Denn der Einsiedler muss spirituell glaubwürdig sein, aber auch mit den Leuten können. Er gehört nicht nur sich selbst, er gehört allen. Wer damit nicht klarkommt, ist für den Job nicht geeignet.

Stan kocht das Abendessen auf dem Holzofen. Salzkartoffeln mit gebratenem Speck und Kirschen aus dem Glas. Ich denke erst, das ist Männerwirtschaft, aber es ist belgisch. Und schmeckt köstlich. In diesem Moment wirkt die Einsiedelei weniger wie ein strenges Kloster als wie eine gemütliche Junggesellenbude. Stan legt Holz nach. Ich schaue ins Feuer.

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